
In der Zürcher Gemeinde Rickenbach entsteht derzeit eine der ersten lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) im Kanton. Ziel ist es, lokal produzierten Solarstrom möglichst direkt im Dorf zu nutzen – über Grundstücksgrenzen hinweg.
Die LEG wurde von privaten Initianten angestossen und gemeinsam mit EKZ umgesetzt. Aktuell vereint sie rund 40 Teilnehmende – darunter Liegenschaften der Gemeinde- und Schulverwaltung, zwei private Solaranlagen sowie Teile der grossen PV-Anlage der Wegmüller AG, einem lokalen Unternehmen für Industrieverpackungen aus Holz und Wellkarton.
Eine Besonderheit: Aufgrund von Heimatschutzauflagen können viele Gebäude in Rickenbach keine eigenen Photovoltaikanlagen installieren. Die LEG ermöglicht es diesen Haushalten dennoch, von lokal produziertem Solarstrom zu profitieren.
Der Impuls für die LEG kam nicht von oben, sondern direkt aus dem Dorf. Zwei private Initianten brachten das Thema ins Rollen: Matthias Höhn, ein energieaffiner Einwohner mit eigener PV-Anlage und Marc Wegmüller, Inhaber der Wegmüller AG, dessen Solaranlage eine Leistung von rund 700 kWp umfasst.
„Ich sehe die Anlage praktisch von meinem Wohnzimmer aus und habe mich gefragt, ob es nicht möglich wäre, den überschüssigen Strom direkt zu nutzen – etwa am Mittag, abends oder am Wochenende, wenn im Betrieb weniger Bedarf besteht. Da lag die Idee nahe, den Strom im Dorf zu halten“, sagt Matthias Höhn.
Was als einfache Überlegung unter Nachbarn begann, entwickelte sich rasch weiter: Gemeinsam suchten Höhn und Wegmüller das Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten und in einem nächsten Schritt mit dem Energieversorger EKZ.
Die Entscheidung für eine LEG fiel auch deshalb, weil klassische Modelle wie ZEV oder vZEV nicht mehr in Frage kamen – entweder waren sie bereits umgesetzt oder unter den gegebenen Bedingungen nicht realisierbar. Gleichzeitig bestand der klare Wille, frühzeitig Erfahrungen mit dem neuen Modell zu sammeln.
„Uns war klar: Wenn wir mitreden wollen, müssen wir jetzt starten und erste Erfahrungen sammeln“, so Marc Wegmüller.
Ein zentraler Treiber war zudem die Idee, den lokal produzierten Strom im Dorf zu behalten und damit die regionale Wertschöpfung zu stärken.
Der Weg zur Umsetzung war vergleichsweise kurz – auch dank klarer Rollen und engagierter Akteure.
Ausgangspunkt war der Austausch zwischen den beiden Initianten und dem Gemeindepräsidenten. Anschliessend wurde EKZ als Umsetzungspartner beigezogen und das Projekt im Gemeinderat vorgestellt. Bereits wenige Wochen später fiel der Entscheid, die Gemeindeliegenschaften in die LEG zu integrieren.
Vom ersten Gespräch bis zum Start der LEG vergingen nur wenige Monate:
„Der Prozess war erstaunlich unkompliziert – wir konnten uns auf das Wesentliche konzentrieren, während EKZ den administrativen Aufwand übernahm“, beschreibt Marc Wegmüller die Umsetzung.
Eine zentrale Rolle spielten dabei die Initianten selbst, die das Thema aktiv vorantrieben und die relevanten Akteure zusammenbrachten.
Die Tarif- und Vertragsstruktur orientiert sich an einem standardisierten Modell:
Konsumentinnen und Konsumenten beziehen Strom zu den Konditionen der Grundversorgung, während der lokal produzierte Solarstrom innerhalb der LEG zu fix definierten Tarifen vergütet wird.
Für die Teilnehmenden bedeutet dies eine einfache und transparente Lösung ohne komplexe individuelle Vertragsgestaltungen.
Gleichzeitig zeigt das Beispiel, dass die wirtschaftliche Attraktivität aktuell noch nicht der Haupttreiber für eine LEG ist – vielmehr stehen Erfahrungen und langfristige Perspektiven im Vordergrund.
„Aktuell ist vor allem Agilität gefragt, um früh Erfahrungen zu sammeln und als Pionier zu lernen. Für Netzbetreiber ist die Umsetzung von LEG noch mit erheblichem Aufwand verbunden – entsprechend besteht auf politischer Ebene noch Handlungsbedarf, um die Wirtschaftlichkeit zu verbessern», so eine Einschätzung von XY von der EKZ.
„Man muss ein Stück weit daran glauben – aber das Risiko ist gering, und die Lernkurve ist gross“, ergänzt Matthias Höhn.
Das Beispiel Rickenbach zeigt eindrücklich, wie lokale Initiativen, Gemeinden und Energieversorger gemeinsam neue Wege gehen können.
EKZ: «Wer sich mit dem Thema LEG beschäftigt, sollte möglichst früh einsteigen und erste Erfahrungen sammeln. Ein einfaches Modell ohne grosse Verpflichtungen hilft, die Mechanismen zu verstehen und Potenziale zu erkennen.»
Initianten: «Gerade vor dem Hintergrund sinkender Einspeisevergütungen wird die Frage immer relevanter, wie lokal produzierter Strom sinnvoll genutzt werden kann – die LEG bietet dafür einen vielversprechenden Ansatz.»

Marc Wegmüller
Unternehmer in vierter Generation und Inhaber der Wegmüller AG in Rickenbach. Betreibt seit 2012 eine der grössten privaten PV-Anlagen im Kanton Zürich und baut diese laufend weiter aus. Engagiert sich dafür, lokal produzierten Strom auch vor Ort zu nutzen.
Matthias Höhn
Energieaffiner Einwohner von Rickenbach und Standortleiter bei Enerpeak AG. Betreibt eine eigene PV-Anlage und ist Teil der LEG als Produzent und Verbraucher. Hat die Idee zur lokalen Stromnutzung im Dorf mit angestossen.
Andy Karrer
Gemeindepräsident Rickenbach
