Praxisbeispiel
26.05.2026

Lokale Elektrizitätsgemeinschaft in Rickenbach: Vom Nachbarschaftsprojekt zur Energiegemeinschaft

Projekt auf einen Blick
Modell
LEG
Standort
Rickenbach (ZH)
In Betrieb seit
1.5.2026
Verwaltung
EKZ
Anzahl Teilnehmende
aktuell rund 40
PV-Leistung
127.4 kWp
EMS
nein
Speicher
nein
Die Gemeinde Rickenbach im Zürcher Weinland treibt den Aufbau einer lokalen Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) aktiv voran - und gehört damit zu den Vorreiter-Gemeinden im Kanton Zürich. Ziel ist es, lokal produzierten Solarstrom möglichst direkt im Dorf gemeinsam zu nutzen – über Grundstücksgrenzen hinweg.

Lokaler Strom für alle – auch ohne eigene Solaranlage

Die lokale Elektrizitätsgemeinschaft wurde von privaten Initianten angestossen und gemeinsam mit EKZ umgesetzt. Aktuell vereint sie rund 40 Teilnehmende – darunter Liegenschaften der Gemeinde- und Schulverwaltung, zwei private Solaranlagen sowie Teile der grossen PV-Anlage der Wegmüller AG, einem lokalen Unternehmen für Industrieverpackungen aus Holz und Wellkarton.

Eine Besonderheit: Aufgrund von Heimatschutzauflagen können viele Gebäude in Rickenbach keine eigenen Photovoltaikanlagen installieren. Die LEG ermöglicht es diesen Haushalten dennoch, von lokal produziertem Solarstrom zu profitieren.

Wie aus Nachbarn eine lokale Energiegemeinschaft entstand

Der Impuls für die LEG kam nicht von oben, sondern direkt aus dem Dorf. Zwei private Initianten brachten das Thema ins Rollen: Matthias Höhn, ein energieaffiner Einwohner mit eigener PV-Anlage und Marc Wegmüller, Inhaber der Wegmüller AG, dessen Photovoltaikanlage eine Leistung von rund 700 kWp umfasst.

„Ich sehe die Anlage praktisch von meinem Wohnzimmer aus und habe mich gefragt, ob es nicht möglich wäre, den überschüssigen Strom direkt zu nutzen – etwa am Mittag, abends oder am Wochenende, wenn im Betrieb weniger Bedarf besteht. Da lag die Idee nahe, den Strom im Dorf zu halten“, sagt Matthias Höhn.

Was als einfache Überlegung unter Nachbarn begann, entwickelte sich rasch weiter: Gemeinsam suchten Höhn und Wegmüller das Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten und in einem nächsten Schritt mit dem Energieversorger EKZ.

Die Entscheidung für eine LEG fiel auch deshalb, weil klassische Modelle wie ZEV oder vZEV nicht mehr in Frage kamen – entweder waren sie bereits umgesetzt oder unter den gegebenen Bedingungen nicht realisierbar. Gleichzeitig bestand der klare Wille, frühzeitig Erfahrungen mit dem neuen Modell zu sammeln.

„Uns war klar: Wenn wir mitreden wollen, müssen wir jetzt starten und erste Erfahrungen sammeln“, so Marc Wegmüller.

Ein zentraler Treiber war zudem die Idee, den lokal produzierten Strom im Dorf zu behalten und damit die regionale Wertschöpfung zu stärken.

Schnelle Umsetzung dank engagierter Initianten

Der Weg zur Umsetzung war kurz – auch dank klarer Rollen und engagierter Akteure.

Vom ersten Gespräch bis zum Start der LEG vergingen nur wenige Monate:

  • Herbst 2025: Erste Idee
  • Dezember 2025: Erstgespräch mit EKZ als Umsetzungspartner
  • Januar 2026: Entscheid im Gemeinderat
  • Mai 2026: Start der LEG

„Der Prozess war erstaunlich unkompliziert – wir konnten uns auf das Wesentliche konzentrieren, während EKZ den administrativen Aufwand übernahm“, beschreibt Marc Wegmüller die Umsetzung.

Eine zentrale Rolle spielten dabei die Initianten selbst, die das Thema aktiv vorantrieben und die relevanten Akteure zusammenbrachten. Die Gemeinde tritt dabei je nach Ausstattung der jeweiligen Liegenschaft mit einer PV-Anlage entweder als Prosumerin oder als Konsumentin auf.

Einfache Preisstruktur – mit begrenzter Wirtschaftlichkeit

Die Preisstruktur der lokalen Elektrizitätsgemeinschaft orientiert sich an einem standardisierten Modell: Konsumentinnen und Konsumenten beziehen Strom zu den Konditionen der Grundversorgung, während der lokal produzierte Solarstrom innerhalb der LEG zu fix definierten Preisen vergütet wird (das aktuelle Preismodell ist auf der Website der EKZ ersichtlich).

Die Vertragsgestaltung wird durch die EKZ sehr einfach gehalten, indem sich die Teilnehmenden (Produzenten wie Konsumenten) online anmelden können und lediglich die AGBs akzeptieren müssen.

Gleichzeitig zeigt das Beispiel, dass die wirtschaftliche Attraktivität aktuell noch nicht der Haupttreiber für eine LEG ist – vielmehr stehen Erfahrungen und langfristige Perspektiven im Vordergrund.

„Aktuell ist vor allem Agilität gefragt, um früh Erfahrungen zu sammeln und als Pionier zu lernen. Für Netzbetreiber ist die Umsetzung lokaler Elektrizitätsgemeinschaften noch mit erheblichem Aufwand verbunden – entsprechend besteht auf politischer Ebene noch Handlungsbedarf, um die Wirtschaftlichkeit zu verbessern», so eine Einschätzung von Cinzia Battaglia, Business Development Managerin bei EKZ Gemeinsamstrom.

„Man muss ein Stück weit daran glauben – aber das Risiko ist gering, und die Lernkurve ist gross“, ergänzt Matthias Höhn.

Pionierprojekt mit Signalwirkung

Das Beispiel Rickenbach zeigt eindrücklich, wie lokale Elektrizitätsgemeinschaften in der Schweiz funktionieren können, indem lokale Initiativen, Gemeinden und Energieversorger gemeinsam neue Wege gehen. Ziel ist es nun, die LEG in Rickenbach laufend zu erweitern, denn: Je mehr Teilnehmende, desto besser kann Angebot und Nachfrage nach LEG-Strom aufeinander abgestimmt werden.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Initiative zählt: Private Akteure können entscheidend sein, um Projekte anzustossen.
  • Schnelligkeit ist möglich: Projekte können schnell umgesetzt werden, wenn alle Beteiligten mitziehen.
  • Erfahrungen sammeln statt optimieren: Der Fokus liegt aktuell auf Lernen statt auf maximaler Wirtschaftlichkeit.

Tipp für Nachahmer:

EKZ: «Wer sich mit dem Thema LEG beschäftigt, sollte möglichst früh einsteigen und erste Erfahrungen sammeln. Ein einfaches Modell ohne grosse Verpflichtungen hilft, die Mechanismen zu verstehen und Potenziale zu erkennen.»

Initianten: «Mit dem Ausbau der Photovoltaik gewinnt die Frage zunehmend an Bedeutung, wie lokal produzierter Strom in der Schweiz möglichst effizient und wertschöpfend genutzt werden kann – die lokale Elektrizitätsgemeinschaft bietet dafür einen vielversprechenden Ansatz.»

Gemeindepräsident Andy Karrer mit den Initianten der lokalen Elektrizitätsgemeinschaft in Rickenbach Marc Wegmüller und Matthias Höhn
Die Initianten (v.l.): Gemeindepräsident Andy Karrer und die beiden privaten Initianten aus dem Dorf, Marc Wegmüller und Matthias Höhn. (Fotografin: Caroline Fink)

Infos zu den Initianten:

Marc Wegmüller
Unternehmer in vierter Generation und Inhaber der Wegmüller AG in Rickenbach. Betreibt seit 2012 eine der grössten privaten PV-Anlagen im Kanton Zürich und baut diese laufend weiter aus. Engagiert sich dafür, lokal produzierten Strom auch vor Ort zu nutzen.

Matthias Höhn
Energieaffiner Einwohner von Rickenbach und Standortleiter bei Enerpeak AG. Betreibt eine eigene PV-Anlage und ist Teil der LEG als Produzent und Verbraucher. Hat die Idee zur lokalen Stromnutzung im Dorf mit angestossen.

Andy Karrer
Gemeindepräsident Rickenbach

Luftaufnahme der lokalen Elektrizitätsgemeinschaft in Rickenbach mit mehreren Photovoltaikanlagen
Rickenbach aus der Vogelperspektive mit Blick auf die Solaranlage der Wegmüller AG – ein Teil ihres überschüssigen Stroms wird über eine LEG mit dem Dorf geteilt. (Bild: Caroline Fink)

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