Statt ihren selbst produzierten Strom primär ins Netz einzuspeisen, verfolgen Jürg Gosteli und seine Nachbarn das Ziel, Produktion und Verbrauch im eigenen Quartier zusammenzubringen. Für Jürg Gosteli, einen der Initianten und heutigen Ansprechpartner der Gemeinschaft, stehen dabei nicht in erster Linie finanzielle Überlegungen im Vordergrund. Viel wichtiger ist es für ihn, den lokal produzierten Strom möglichst dort zu verbrauchen, wo er entsteht, um dadurch sowohl fossile Energieträger zu ersetzen als auch das Stromnetz zu entlasten. Die Idee stiess im Quartier auf offene Ohren: Fast alle angesprochenen Nachbarn beteiligten sich sofort am Vorhaben.
Die Initianten prüften unterschiedliche Modelle wie den virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (vZEV) und die lokale Elektrizitätsgemeinschaft (LEG). Überzeugt hat sie dann das Praxismodell der Genossenschaft Elektra Jegenstorf (mehr Informationen dazu gibt es auf der Website der Elektra). Der entscheidende Vorteil aus ihrer Sicht: Die notwendige Abrechnungsdienstleistung ist bereits integriert und wird direkt von der Genossenschaft Elektra Jegenstorf übernommen. Zudem schätzen sie die Elektra als verlässlichen und kundenfreundlichen Partner. Eine LEG hat aus ihrer Sicht aber zukünftig durchaus auch Potenzial.
Dank des gewählten Praxismodells verlief die Umsetzung pragmatisch und unkompliziert. Nach ersten Gesprächen im August 2025 folgte die Anmeldung im Oktober. Im November wurden die noch fehlenden Smart Meter installiert. Bereits am 1. Januar 2026 konnte die Eigenverbrauchsgemeinschaft den Betrieb aufnehmen.
Auch für die Konsumentinnen und Konsumenten gestaltete sich die Teilnahme einfach. Sie mussten lediglich die Teilnahmeunterlagen unterzeichnen und konnten bereits ab Betriebsstart von günstigeren Stromkosten profitieren. Die Produzenten teilten sich die einmaligen Einrichtungskosten von 450 Franken untereinander.
Eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung spielte Jürg Gosteli, der als Vertreter der Gemeinschaft den Austausch mit der Elektra koordinierte und die Gespräche mit Produzenten und Nachbarn führte. Externe Dienstleister waren nicht nötig. Fragen konnten direkt mit den Mitarbeitenden der Elektra geklärt werden, die den Prozess eng begleiteten.
Das Praxismodell der Elektra basiert auf einem klaren und transparenten Abrechnungssystem. Die Teilnehmenden beziehen den lokal erzeugten Strom zu 80 Prozent des Tarifs des Standardstromprodukts der Elektra. Die Produzenten erhalten für ihren gelieferten Strom denselben Betrag, abzüglich einer Bearbeitungsgebühr von 2 Rp./kWh für die Abrechnung. Für Jürg Gosteli sind diese Konditionen fair und nachvollziehbar.
Auch im Betrieb bleibt der administrative Aufwand überschaubar. Jürg Gosteli ist Ansprechstelle für übergeordnete administrative und technische Belange gegenüber der Elektra Jegenstorf. Die Elektra erstellt für alle Teilnehmenden individuelle Abrechnungen beziehungsweise Gutschriften. Die Gemeinschaft verfügt aktuell weder über ein Energiemanagementsystem noch über einen Batteriespeicher. Letzterer wird jedoch bereits diskutiert, um künftig noch mehr Solarstrom vor Ort nutzen zu können.

Die Erfahrungen der ersten Betriebsmonate fallen positiv aus. Der Eigenverbrauch innerhalb der Gemeinschaft entwickelt sich erfreulich. Während im ersten Quartal 2026 noch rund 9 Prozent des produzierten Stroms innerhalb der Gemeinschaft genutzt wurden, lag dieser Wert im zweiten Quartal bereits bei 33 Prozent. Mit einem zukünftigen Speicher könnte dieser Anteil gemäss den Beteiligten weiter gesteigert werden.
Auch in Bezug auf die Stromkosten zieht Jürg Gosteli eine positive Bilanz. Diese lagen bei ihm im ersten Quartal 2026 rund 13 Prozent und im zweiten Quartal sogar 29 Prozent unter dem Vorjahresniveau, was zumindest teilweise auf den vermehrten Eigenverbrauch zurückzuführen sein dürfte. Hinzu kommen zusätzliche Erlöse aus dem lokal vermarkteten Solarstrom.
Auf die Frage nach den wichtigsten Erkenntnissen muss Jürg Gosteli nicht lange überlegen. Seine Antwort lautet: «Schade, dass wir das nicht schon früher gemacht haben.» Für andere Quartiere, die eine ähnliche Lösung prüfen, hat er einen klaren Rat: möglichst rasch handeln, Eigeninitiative zeigen und den Nachbarn die Vorteile verständlich erklären. Seine Erfahrung zeigt, dass viele Vorbehalte verschwinden, sobald klar wird, dass die Teilnahme unkompliziert ist und alle Beteiligten profitieren können.

Herr Jürg Gosteli war in leitender Funktion in einem grösseren Verlags- und Druckereiunternehmen tätig. Heute arbeitet er in verschiedenen Museen und wohltätigen Organisationen.